Patchouliöl ist ein Duft, den Menschen entweder lieben oder bei dem sie lieber den Raum verlassen. Es haftet an Räucherstäbchen, Kerzen und in Regalen von Boutiquen. Mit Mückenspray verbindet es dagegen kaum jemand.
Ein Team von Chemikern im brasilianischen Amazonasgebiet möchte diese Wahrnehmung ändern. Grundlage dafür ist keine Kräuterbehauptung und auch kein Wellness-Gefühl.
Im Mittelpunkt stehen eine Patchouli-Creme, ein Käfig voller hungriger Mücken und ein Ergebnis, das die Forschenden überraschte.
Krankheiten hinter den Mückenstichen
Aedes aegypti überträgt Denguefieber, Zika, Chikungunya und Gelbfieber.
Allein bei Denguefieber wurde 2024 ein Rekord erreicht: Eine weltweite Erhebung meldete mehr als 14 Millionen Infektionen.
Persönliche Repellents gehören zu den wenigen Schutzmaßnahmen, die die meisten Menschen selbst anwenden können. Der führende synthetische Wirkstoff ist N,N-Diethyl-meta-toluamid, in Drogerien besser unter dem Namen DEET bekannt.
Warum natürliche Sprays rasch nachlassen
DEET ist wirksam. Eine einzige Anwendung kann Mücken drei oder vier Stunden lang fernhalten – deutlich länger, als pflanzliche Mittel bislang auf unbedeckter Haut geschafft haben.
Der Stoff bringt jedoch Nachteile mit sich. Empfindliche Haut kann darauf gereizt reagieren. Hohe Konzentrationen wurden in Laborstudien mit neurologischen Effekten in Verbindung gebracht.
Behörden bewerten DEET in üblichen Handelskonzentrationen als sicher, doch viele Käufer suchen nach milderen Alternativen. Pflanzliche Produkte wie Citronella, Zitroneneukalyptus und Lavendel versprechen dies seit Jahren.
Das Problem war stets physikalischer Natur: Die aktiven Moleküle verdunsten auf warmer Haut schnell, sodass der Schutz schon nach 20 oder 30 Minuten nachlässt.
Patchouli ist ein starkes Mittel gegen Mücken
Patchouli zählt nicht gerade zu den Pflanzen, an die man beim Mückenschutz zuerst denkt. Das Öl ist vor allem als Duftnote in Parfüms bekannt.
Lizandra Lima Santos, Chemikerin an der Bundesuniversität Amapá (UNIFAP), vermutete, dass dieses unverwechselbare Aroma mehr bewirken könnte, als nur Menschen zu irritieren.
Ihr Team hatte Patchouliöl aus Pflanzen untersucht, die nahe Macapá wachsen. Bei der chemischen Analyse wurden 16 Verbindungen in der Mischung identifiziert. Patchoulialkohol machte ungefähr 40 Prozent aus.
Zwei weitere Inhaltsstoffe – Alpha-Guaien und Beta-Elemen – erwiesen sich später als unerwartet interessant.
Patchouliöl als Mückenrepellent
Eine Hürde war rein praktisch: Patchouliöl zerfällt an der Luft rasch. Ein Repellent, das seinen Wirkstoff bereits auf dem Weg aus der Flasche verliert, schützt nicht lange.
Die Forschenden lösten das Öl in einer üblichen Cremegrundlage mit 200 Teilen pro Million.
Sie gaben es erst spät im Herstellungsprozess bei etwa 104°F (40°C) hinzu, damit die besonders hitzeempfindlichen Verbindungen nicht verdampfen.
Die fertige Creme blieb über 90 Tage bei Lagertemperaturen vom Kühlschrank bis zum heißen Lagerhaus stabil. Weder trennte sie sich in Phasen noch veränderte sich der pH-Wert nennenswert.
Das Mückenexperiment im Käfig
Zur Prüfung der abweisenden Wirkung führte das Team einen Arm-im-Käfig-Test durch. Freiwillige trugen Patchouli-Creme auf einen Unterarm und handelsübliches DEET auf den anderen auf. Ein Teilnehmer ließ einen Arm als Kontrolle unbehandelt.
Jeder Arm wurde in einen Käfig mit 50 hungrigen weiblichen Mücken gehalten. Der unbehandelte Arm wurde gestochen. Der mit DEET behandelte Arm blieb frei von Stichen – ebenso wie der mit Patchouli-Creme behandelte Arm. Drei Stunden lang saugte keine Mücke Blut.
„Im Gegensatz zu vielen natürlichen Repellents, die aufgrund ihrer Flüchtigkeit rasch an Wirksamkeit verlieren, erzielte unsere Formulierung bei einer vergleichsweise niedrigen Konzentration bis zu drei Stunden vollständigen Schutz gegen Aedes aegypti“, sagte Lima Santos.
Gerade die Konzentration ließ das Team aufhorchen. Frühere Studien zu ätherischen Ölen hatten wesentlich höhere Dosierungen benötigt. Mit 200 Teilen pro Million liegt die Menge für ein pflanzenbasiertes Repellent niedrig.
Wie Patchouli Mücken täuscht
Mücken orten Menschen vor allem über den Geruch. Proteine in ihren Antennen binden Duftmoleküle und transportieren sie zu sensorischen Nervenzellen. DEET soll diesen Vorgang stören, indem es eines dieser Proteine blockiert: AaegOBP1.
Als das Team Patchouli-Verbindungen in einer Computersimulation mit demselben Protein prüfte, passte Alpha-Guaien fast genauso gut wie DEET. Beta-Elemen zeigte eine nahezu ebenso gute Leistung.
Patchouli könnte Mücken daher über denselben Mechanismus wie DEET abwehren, statt lediglich den menschlichen Geruch zu überdecken. Sollte sich dies bestätigen, wäre das für ein pflanzenbasiertes Repellent neu.
„Von natürlichen Repellents wird oft erwartet, dass sie höhere Dosen benötigen, um mit der Leistung synthetischer Verbindungen mitzuhalten. Deshalb war es besonders ermutigend, drei Stunden vollständigen Schutz zu beobachten“, sagte Lima Santos.
Weitere Forschung ist erforderlich
Das Team benennt offen, was die Studie nicht klären konnte. Computermodelle zeigten für mehrere Bestandteile des Öls, darunter Patchoulialkohol, ein Risiko für Hautreizungen.
Keiner der Stoffe schien genetische Schäden zu verursachen, doch die Vorhersagen zum Krebsrisiko sind noch nicht validiert.
Auch der Arm-im-Käfig-Test fand unter kontrollierten Laborbedingungen statt. Die Wirkung im Alltag – mit Schweiß, Sonnencreme, Luftfeuchtigkeit und sich bewegenden Personen – muss in Feldversuchen untersucht werden; formale klinische Tests an Menschen stehen ebenfalls noch aus.
Eine natürliche Alternative zu DEET
Diese Studie liefert erstmals ein pflanzenbasiertes Repellent, das bei einem Bruchteil der Konzentrationen, die bei natürlichen Repellents normalerweise eingesetzt werden, mit DEET bei der Schutzdauer gleichzieht.
Frühere pflanzliche Formulierungen verdunsteten entweder innerhalb einer halben Stunde oder mussten hoch dosiert werden, um mit synthetischen Mitteln mitzuhalten. Diese Formulierung tat weder das eine noch das andere.
Wenn toxikologische und klinische Studien das Sicherheitsprofil bestätigen, könnten die praktischen Folgen weitreichender sein. Kinderärzte hätten eine glaubwürdige Nicht-DEET-Option für kleine Kinder.
Programme der öffentlichen Gesundheit in Dengue-Endemiegebieten könnten ein Repellent verteilen, das aus einer Pflanze hergestellt wird, die in Süd- und Südostasien wegen ihres Duftes bereits weit verbreitet angebaut wird.
Eine Parfümnote als Schutz gegen eines der tödlichsten Insekten der Erde war nicht der Gegner, den jemand erwartet hatte. Die Daten aus dem Käfig legen nahe, dass sie ernsthaft geprüft werden sollte.
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