Retinol-Produkte für die Hautpflege sind scheinbar plötzlich überall erhältlich und versprechen eine reine, strahlende und „jugendliche“ Haut.
Doch welche wissenschaftlichen Erkenntnisse stützen diese Versprechen? Und welche Risiken gibt es?
Vielleicht haben Sie auch gehört, dass Retinol das Risiko für Sonnenbrand erhöhen und Akne sogar verschlimmern kann.
Bei manchen Menschen kann Retinol dazu beitragen, feine Linien weniger sichtbar erscheinen zu lassen. Für alle ist der Wirkstoff jedoch nicht geeignet. Das sollten Sie wissen.
Was ist Retinol?
Retinol gehört zur Gruppe der Retinoide. Diese chemischen Verbindungen werden aus Vitamin A abgeleitet oder stehen damit in Zusammenhang. Vitamin A ist ein Nährstoff, der für eine gesunde Haut, das Sehvermögen und die Immunfunktion unverzichtbar ist.
Sämtliche Retinoide entfalten ihre Wirkung, weil Enzyme in der Haut sie in ihre „aktive“ Form, die Retinsäure, umwandeln.
Retinol ist ohne Rezept in Cremes und weiteren Produkten zur äusserlichen Anwendung erhältlich.
Solche Produkte werden häufig als „Anti-Aging“-Produkte beworben, da Retinol feine Linien und Falten mildern sowie den Hautton ausgleichen kann, etwa bei Sonnenflecken oder Aknenarben.
Zudem wirkt es exfolierend und kann dadurch helfen, verstopfte Poren zu öffnen.
Stärkere Retinoid-Behandlungen gegen Akne sind verschreibungspflichtig, da sie Retinsäure enthalten. Diese ist in den Vereinigten Staaten, der Europäischen Union, dem Vereinigten Königreich und Australien als Arzneimittel reguliert.
Wie wird Retinol in der Hautpflege eingesetzt?
Eine der häufigsten Aussagen über Retinol lautet, dass es sichtbare Zeichen der Hautalterung verringern kann.
Wie kommt dieser Effekt zustande?
Mit zunehmendem Alter wird die Hautbarriere schwächer. Dadurch neigt die Haut stärker zu Trockenheit, Verletzungen und Reizungen.
Retinol kann dieser natürlichen Ausdünnung entgegenwirken, indem es die Vermehrung von Keratinozyten anregt. Diese Zellen bilden die äussere Hautschicht und schützen vor Schäden sowie Wasserverlust.
Darüber hinaus fördert Retinol die Bildung von Kollagen – einem wichtigen Protein, das ein Gerüst schafft und die Haut fest sowie elastisch hält – und von Fibroblasten. Fibroblasten produzieren Kollagen und unterstützen die Hautstruktur.
Ausserdem beschleunigt der Wirkstoff die Abstossung alter Hautzellen und ihren Ersatz durch neue Zellen.
Mit der Zeit können diese Vorgänge feine Linien abschwächen, dunkle Flecken aufhellen und den Hautton gleichmässiger wirken lassen. Auch kann die Haut dadurch reiner erscheinen.
Trotz seiner Wirksamkeit zeigt sich dieser Effekt nicht über Nacht.
Möglicherweise haben Sie auch vom „Retinol-Purge“ gehört: einem vorübergehenden Akneschub zu Beginn der Anwendung topischer Retinoide.
Studien zeigen, dass die Haut in einigen Fällen gereizt reagieren und sich Akne zeitweise verschlechtern kann. Um diesen Zusammenhang besser zu verstehen, sind jedoch weitere Untersuchungen erforderlich.
Ist Retinol also sicher?
Bei den üblichen Konzentrationen in Hautpflegeprodukten (0.1–0.3%) fallen die Nebenwirkungen meist mild aus.
Die meisten Menschen, bei denen zu Beginn der Retinol-Anwendung Reizungen wie Rötungen, Trockenheit oder Schuppung auftreten, können im Lauf der Zeit eine Toleranz entwickeln. Dieser Vorgang wird häufig als „Retinisierung“ bezeichnet.
Retinol steigert allerdings die Empfindlichkeit der Haut gegenüber UV-Strahlung, auch Photosensibilität genannt. Diese erhöhte Reaktionsbereitschaft kann Sonnenbrand, Reizungen und ein grösseres Risiko für Hyperpigmentierung verursachen – also Flecken oder Bereiche mit dunklerer Färbung.
Deshalb wird während der Anwendung von Retinol-Produkten dringend empfohlen, täglich ein Breitband-Sonnenschutzmittel mit SPF30 oder höher zu verwenden.
Wer sollte Retinol vermeiden?
Kinder und Jugendliche benötigen Retinol im Allgemeinen nicht, es sei denn, es wurde ihnen gezielt ärztlich verordnet, beispielsweise zur Aknebehandlung.
Für Menschen mit empfindlicher Haut oder Erkrankungen wie Ekzemen – trockener, juckender und entzündeter Haut – und Rosazea – chronischen Rötungen und Empfindlichkeit – kann Retinol zu reizend sein.
Die gleichzeitige Anwendung von Retinol-Produkten und anderen Hautpflegebehandlungen, beispielsweise Alpha-Hydroxysäuren, kann die Haut übermässig exfolieren und schädigen.
Wichtig ist zudem: Retinsäure, die aktive Form von Retinol, ist teratogen, das heisst, sie kann Fehlbildungen beim ungeborenen Kind verursachen. Auch frei verkäufliche Retinol-Produkte werden während der Schwangerschaft oder Stillzeit nicht empfohlen.
Retinol-Produkte bewusst auswählen und lagern
Da Retinol als kosmetischer Inhaltsstoff eingestuft wird, müssen Unternehmen die Konzentration in ihren Produkten nicht angeben.
Die Europäische Union wird voraussichtlich neue Vorschriften einführen, die die Retinol-Konzentration in kosmetischen Gesichtsprodukten auf 0.3% begrenzen.
Diese Vorsichtsmassnahmen sollen die Exposition besonders gefährdeter Gruppen wie schwangerer Frauen angesichts des Risikos von Fehlbildungen begrenzen.
Daher empfiehlt es sich, Produkte zu wählen, auf denen eine Retinol-Konzentration zwischen 0.1% und 0.3% eindeutig angegeben ist.
Retinol ist zudem ein bekanntermassen instabiles Molekül, das sich durch Kontakt mit Luft, Licht oder Wärme zersetzt.
Ein Produkt in luftdichter und lichtschützender Verpackung kann möglichen Zersetzungsproblemen vorbeugen, durch die der Wirkstoff unwirksam werden oder Schäden verursachen könnte.
Wie lässt sich Retinol am sichersten ausprobieren?
Entscheidend ist, mit einer niedrigen Menge und langsam zu beginnen: Verwenden Sie ein- oder zweimal pro Woche eine erbsengrosse Menge eines niedrig konzentrierten Produkts (0.1%), vorzugsweise abends, um UV-Exposition zu vermeiden. Sobald sich die Haut angepasst hat, können Häufigkeit und Konzentration schrittweise bis maximal 0.3% erhöht werden.
Eine Feuchtigkeitscreme nach dem Retinol kann Trockenheit und Reizungen verringern.
Bei der Anwendung von Retinol ist täglicher Sonnenschutz unverzichtbar, um Photosensibilität zu vermeiden.
Treten anhaltende Rötungen, Brennen oder Schuppung auf, sollten Sie das Produkt besser absetzen und Ihren Arzt oder eine Hautärztin beziehungsweise einen Hautarzt um individuelle Beratung bitten.
Laurence Orlando, leitender Dozent für Produktformulierung und -entwicklung sowie analytische Methoden, Monash University; Zanfina Ademi, Professorin für Gesundheitsökonomie, Monash University; und Zoe Porter, Dozentin für Pharmazie und pharmazeutische Wissenschaften, Monash University
Dieser Artikel wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen