Depressionen und Angststörungen betreffen weltweit Millionen von Menschen.
Behandlungen wie Medikamente und Psychotherapie – manchmal auch Gesprächstherapie genannt – können sehr wirksam sein, stehen jedoch nicht immer zur Verfügung. Zu den Hürden zählen Kosten, Stigmatisierung, lange Wartezeiten auf Termine und mögliche Nebenwirkungen von Arzneimitteln.
Wie sieht es also mit Bewegung aus? Unsere heute veröffentlichte neue Forschung bestätigt, dass körperliche Aktivität für manche Menschen ebenso wirksam sein kann wie Therapie oder Medikamente. Das gilt besonders, wenn sie gemeinsam mit anderen erfolgt und von Fachpersonal angeleitet wird, etwa in einem Fitnesskurs oder Laufclub.
Werfen wir einen Blick auf die Evidenz.
Was bereits bekannt war
Körperliche Aktivität wird seit Langem als Behandlungsoption bei Angststörungen und Depressionen empfohlen. Ein wesentlicher Grund ist, dass sie die Ausschüttung von „Wohlfühl“-Botenstoffen im Gehirn fördert, die die Stimmung verbessern und Stress mindern können.
Die Studienlage kann allerdings verwirrend sein. Hunderte Untersuchungen mit unterschiedlichen Ergebnissen lassen offen, wie viel Bewegung hilfreich ist, welche Art von Sport geeignet ist und wer am stärksten davon profitiert.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben Forschende Dutzende einzelne Metaanalysen durchgeführt – Studien, die die Ergebnisse mehrerer Untersuchungen zusammenführen –, um die Wirkung von Bewegung bei Depressionen und Angststörungen zu prüfen. Dennoch blieben Fragen dazu offen, wie wirksam Bewegung in verschiedenen Altersgruppen ist und ob die Art der Aktivität eine Rolle spielt.
Zudem schlossen viele Studien Teilnehmende mit Störfaktoren ein – Einflüssen, die Forschungsergebnisse verzerren können –, etwa weiteren chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Arthritis. Dadurch ist es schwierig, die Ergebnisse breiter zu übertragen.
Was wir untersucht haben
Mit unserer Forschung wollten wir diese Unklarheiten durch eine „Meta-Metaanalyse“ auflösen. Dafür werteten wir systematisch die Ergebnisse sämtlicher vorhandenen Metaanalysen aus – insgesamt 81 –, um zu ermitteln, was die Evidenz tatsächlich zeigt.
Damit umfasste die Datengrundlage nahezu 80.000 Teilnehmende aus mehr als 1.000 ursprünglichen Studien.
Wir untersuchten mehrere Faktoren, die erklären könnten, weshalb sich die Ergebnisse unterschieden. Dazu gehörten Unterschiede bei:
- den untersuchten Personen, beispielsweise Menschen mit diagnostizierter Depression oder Angststörung im Vergleich zu Personen, die lediglich Symptome hatten, unterschiedliche Altersgruppen sowie Frauen während der Schwangerschaft und nach der Geburt;
- der Art der Bewegung, etwa Ausdauertraining im Vergleich zu Krafttraining und Körper-Geist-Übungen wie Yoga, der professionellen Anleitung sowie Intensität und Dauer;
- der Frage, ob die Aktivität allein oder in einer Gruppe ausgeübt wurde.
Ausserdem setzten wir fortgeschrittene statistische Verfahren ein, um die genaue Wirkung von Bewegung möglichst präzise von Störfaktoren – einschliesslich anderer chronischer Erkrankungen – zu trennen und zu schätzen.
Unsere Daten untersuchten den Einfluss von Bewegung allein auf Depressionen und Angststörungen. Manche Menschen nehmen jedoch zusätzlich Antidepressiva und/oder nutzen eine Therapie. Um die Wirkung dieser Kombinationen zu klären, wären daher weitere Untersuchungen erforderlich.
Was ergab die Studie?
Bewegung senkt sowohl depressive als auch Angstsymptome wirksam. Allerdings gibt es dabei wichtige Unterschiede.
Im Vergleich zu körperlicher Inaktivität zeigte Sport einen starken Effekt auf Depressionssymptome und einen mittleren Effekt auf Angstzustände.
Die Vorteile waren mit häufiger verschriebenen Behandlungen für die psychische Gesundheit, darunter Therapie und Antidepressiva, vergleichbar und in einigen Fällen sogar grösser.
Entscheidend war auch, für wen Bewegung besonders hilfreich war. Zwei Gruppen zeigten die deutlichsten Verbesserungen: Erwachsene im Alter von 18 bis 30 Jahren und Frauen, die kürzlich entbunden hatten.
Viele Frauen sehen sich nach einer Geburt Hindernissen gegenüber, wenn sie Sport treiben möchten. Dazu gehören Zeitmangel, fehlendes Selbstvertrauen oder der fehlende Zugang zu passenden und bezahlbaren Angeboten.
Unsere Ergebnisse legen nahe, dass ein besserer Zugang zu solchen Angeboten eine wichtige Strategie sein könnte, um die psychische Gesundheit junger Mütter in dieser besonders verletzlichen Phase zu unterstützen.
Wie Bewegung bei Depressionen und Angststörungen ausgeübt wird, ist entscheidend
Wir stellten zudem fest, dass Ausdaueraktivitäten wie Gehen, Laufen, Radfahren oder Schwimmen depressive Symptome und Angstsymptome am besten verringerten.
Doch sämtliche Bewegungsformen reduzierten Beschwerden, darunter auch Krafttraining wie Gewichtheben und Körper-Geist-Praktiken wie Yoga.
Bei Depressionen fielen die Verbesserungen stärker aus, wenn Menschen gemeinsam mit anderen trainierten und fachlich angeleitet wurden, etwa in einem Gruppentrainingskurs.
Leider lagen für Gruppenangebote oder angeleitetes Training bei Angststörungen keine Daten vor. Um festzustellen, ob die Wirkung ähnlich ist, braucht es daher weitere Forschung.
Ein- oder zweimal wöchentlich Sport zu treiben hatte bei Depressionen einen ähnlichen Effekt wie häufigeres Training. Auch zwischen sehr anstrengender und niedrig intensiver Bewegung schien kein wesentlicher Unterschied zu bestehen – beides war hilfreich.
Bei Angststörungen zeigten sich die besten Verbesserungen der Symptome, wenn die Bewegung:
- regelmässig über einen Zeitraum von bis zu acht Wochen ausgeübt wurde und
- mit niedrigerer Intensität erfolgte, beispielsweise beim Gehen oder entspannten Bahnenziehen im Schwimmbad.
Was bedeutet das alles?
Unsere Forschung zeigt, dass Bewegung eine legitime, evidenzbasierte Behandlungsoption für Depressionen und Angststörungen ist, insbesondere für Menschen mit diagnostizierten Erkrankungen.
Patientinnen und Patienten lediglich zu sagen, sie sollten „mehr Sport treiben“, wird jedoch vermutlich nicht wirksam sein.
Die Evidenz zeigt, dass strukturierte, angeleitete Bewegung mit einer sozialen Komponente Depressionen und Angststörungen am besten verbessert. Der soziale Aspekt und die Verbindlichkeit können helfen, die Motivation aufrechtzuerhalten.
Behandelnde Fachkräfte sollten dies berücksichtigen und Überweisungen zu konkreten Angeboten ausstellen – etwa zu Ausdauerfitnesskursen oder angeleiteten Geh- und Laufprogrammen –, statt nur allgemeine Ratschläge zu geben.
Die Ergebnisse deuten ausserdem darauf hin, dass diese Art von Bewegung besonders wirksam sein kann, wenn sie gezielt bei Depressionen jüngerer Erwachsener und Frauen nach einer kürzlichen Geburt eingesetzt wird.
Das Wichtigste
Für Menschen, die Medikamente zurückhaltend sehen oder lange auf eine Therapie warten müssen, kann angeleitete Bewegung in der Gruppe eine wirksame Alternative sein. Sie ist evidenzbasiert und kann jederzeit begonnen werden.
Dennoch ist es am besten, sich von Fachpersonal beraten zu lassen. Wer Symptome einer Angststörung oder Depression hat, sollte mit seiner Hausärztin, seinem Hausarzt oder einer Psychologin beziehungsweise einem Psychologen sprechen. Diese Fachpersonen können erläutern, welchen Platz Bewegung im Behandlungsplan einnimmt – möglicherweise zusätzlich zu Therapie und/oder Medikamenten.
Neil Munro, Doktorand für Psychologie, James Cook University; James Dimmock, Professor für Psychologie, James Cook University; Klaire Somoray, Dozentin für Psychologie, James Cook University; und Samantha Teague, leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin für Psychologie, James Cook University
Dieser Artikel wird unter einer Creative-Commons-Lizenz erneut von The Conversation veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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