Seit Jahren geben Ärztinnen und Ärzte bei schmerzenden Gelenken denselben Rat: in Bewegung bleiben.
Neue Daten machen diese einfache Botschaft nun komplizierter.
Körperliche Aktivität bleibt ein zentraler Bestandteil der Arthrosebehandlung. Gross angelegte Auswertungen deuten jedoch darauf hin, dass ihr tatsächlicher Einfluss auf Schmerzen und Beweglichkeit geringer ist und weniger lange anhält als weithin angenommen. Das bedeutet keineswegs, dass Bewegung nutzlos wäre – ganz im Gegenteil. Es stellt aber die Vorstellung infrage, sie sei eine nahezu universelle Lösung für eine komplexe chronische Erkrankung.
Warum Bewegung bei schmerzenden Gelenken zur Standardempfehlung wurde
Nach der Diagnose einer Knie- oder Hüftarthrose lautet die erste Empfehlung meist vorhersehbar: aktiv bleiben, Muskeln kräftigen, Steifigkeit vermeiden. Bewegung gilt seit Langem als risikoarme und kostengünstige Massnahme, die fast alle Betroffenen ausprobieren können.
Dafür gibt es nachvollziehbare Gründe. Bei Arthrose wird der Knorpel zunehmend geschädigt – das glatte Gewebe, das die Knochenenden polstert. Mit dem Fortschreiten der Erkrankung lassen Muskelkraft, Bewegungsumfang im Gelenk und das Vertrauen in die eigene Bewegung häufig nach. Theoretisch kann Training diesen Abwärtstrend bremsen.
Internationale Leitlinien setzen Bewegung deshalb an die Spitze der Behandlungsabfolge, häufig noch vor Medikamenten oder Operationen. Zugleich passt sie zu allgemeinen Empfehlungen der Gesundheitsförderung: mehr bewegen, weniger sitzen sowie Herz und Körpergewicht im Blick behalten.
Körperliche Aktivität bringt zudem zahlreiche weitere Vorteile. Menschen, die aktiv bleiben, schlafen häufig besser, erhalten ihr Gleichgewicht länger und bewahren eher ihre Selbstständigkeit. Diese zusätzlichen Effekte haben dazu beigetragen, dass Bewegung in der Sprechstunde bei Arthrose fast zur „Standardantwort“ geworden ist.
Seit Jahren wird Bewegung bei Arthrose nahezu als Allheilmittel behandelt – sicher, günstig und angeblich hochwirksam.
Grosse Übersichtsarbeiten zeigen kleinere und kurzlebige Verbesserungen
Eine aktuelle Umbrella-Review in der Fachzeitschrift RMD Open nimmt diese Annahme nun genauer unter die Lupe. Die Forschenden fassten fünf systematische Reviews und 28 randomisierte kontrollierte Studien zusammen. Insgesamt umfassten sie mehr als 13.000 Menschen mit Arthrose an Knie, Hüfte, Hand und Sprunggelenk.
Das wichtigste Ergebnis: Bewegung kann Knieschmerzen verringern, insbesondere in den ersten Wochen und Monaten, doch das Ausmass der Verbesserung bleibt begrenzt. Auf einer häufig verwendeten Schmerzskala von 0–100 lag der durchschnittliche Nutzen bei etwa zehn Punkten. Damit liegt er nur knapp über der Schwelle, die viele Fachleute als kleinste Veränderung ansehen, die Patientinnen und Patienten tatsächlich wahrnehmen könnten.
Wurden Teilnehmende länger beobachtet oder schlossen die Studien mehr Menschen ein, fiel der Vorteil von Bewegung oft geringer aus. In einigen Langzeitstudien verschwanden die Unterschiede zwischen Personen mit und ohne Training nahezu vollständig. Dies spricht dafür, dass frühe Erfolge langfristig schwer aufrechtzuerhalten sind.
Bei Hüftarthrose ist das Bild noch weniger ermutigend. In vielen Studien wurden die Vorteile als vernachlässigbar beschrieben. An den Händen fielen die Ergebnisse unterschiedlich aus; Schmerzen und Funktion verbesserten sich dort nur in begrenztem Umfang.
Bei Tausenden von Patientinnen und Patienten half Bewegung tendenziell, doch der durchschnittliche Effekt war klein und nahm mit der Zeit häufig ab.
Auch die Funktionsfähigkeit – also gehen, Treppen steigen, greifen oder tragen zu können – zeigte ein ähnliches Muster. Verbesserungen waren messbar, aber begrenzt und gingen im Verlauf der Monate häufig wieder zurück. Das steht im Kontrast zu den hohen Erwartungen, die in Praxen und Rehabilitationszentren oft mit Bewegungsprogrammen verbunden werden.
Nicht jede Bewegungsform wirkt gleich, und die Studien haben deutliche Schwächen
Die Review weist auch auf grosse Lücken und Unterschiede hin. Die Studien unterschieden sich stark hinsichtlich Art, Intensität und Dauer des Trainings: Das Spektrum reichte von vorsichtigem Gehen und Wassertherapie bis zu angeleitetem Krafttraining und Gleichgewichtsübungen. Viele Untersuchungen waren klein, kurz angelegt und verglichen Bewegung nicht unmittelbar mit konkurrierenden Behandlungen.
Dadurch lässt sich schwer bestimmen, welcher konkrete Ansatz wem und wie lange hilft. Zudem steigt das Risiko, dass frühe, besonders optimistische Studien den tatsächlichen Nutzen von Bewegung im Alltag überschätzt haben, wo die regelmässige Umsetzung oft nachlässt und Betreuung nur eingeschränkt verfügbar ist.
Bewegung im Vergleich zu anderen Behandlungen: nicht immer klar überlegen
Ein besonders auffälliger Aspekt der Analyse ist der Vergleich von Bewegung mit anderen gängigen Strategien. In direkten Gegenüberstellungen schnitten bewegungsbasierte Programme meist ähnlich ab wie:
- strukturierte Patientenschulungen zu Schmerzen und Selbstmanagement
- manuelle Behandlungen wie Gelenkmobilisation
- übliche Schmerzmittel, einschliesslich nichtsteroidaler Antirheumatika
- Injektionen in das Gelenk, etwa mit Kortikosteroiden
Mit anderen Worten: Bewegung ist hilfreich, aber nicht dramatisch wirksamer als mehrere andere Optionen, die in Praxen häufig angeboten werden.
Bei Menschen mit weiter fortgeschrittener Erkrankung übertrafen manche chirurgischen Eingriffe Bewegung bei langfristigen Schmerzen und der Funktion deutlich. Verfahren wie Osteotomie, also eine Knochenkorrektur, oder ein vollständiger Gelenkersatz erzielten bei sorgfältig ausgewählten Personen grössere und nachhaltigere Verbesserungen – insbesondere dann, wenn konservative Massnahmen bereits versucht worden waren.
Bei schwerer Arthrose erzielt eine Operation mitunter Verbesserungen, die Bewegung allein offenbar nicht erreichen kann, besonders auf lange Sicht.
Diese Ergebnisse sprechen nicht dafür, Bewegung aufzugeben. Sie legen vielmehr nahe, dass es zu vereinfachend sein könnte, sie für jede Patientin, jeden Patienten und jedes Stadium der Arthrose als universelle Erstlinientherapie einzuordnen.
Auf dem Weg zu individuelleren und gemeinsamen Entscheidungen
Die sich abzeichnende Botschaft von Forschenden und Behandelnden lautet, dass die Arthroseversorgung stärker personalisiert werden muss. Schmerzintensität, betroffenes Gelenk, Krankheitsstadium, Gewicht, weitere gesundheitliche Probleme und persönliche Ziele spielen allesamt eine Rolle.
Für eine vergleichsweise junge Person mit früher Kniearthrose und ohne grössere Gesundheitsprobleme kann ein gezielter Plan aus Kräftigung und Aktivität weiterhin ein sehr sinnvoller erster Schritt sein – idealerweise unter fachlicher Anleitung. Bei einer älteren Person mit schwerer Zerstörung des Hüftgelenks, erheblichen Schlafstörungen und einer Gehfähigkeit von nur wenigen Minuten könnte derselbe Plan allein dagegen zu wenig Linderung bringen.
Hier kommt die gemeinsame Entscheidungsfindung ins Spiel. Statt lediglich ein Merkblatt mit Übungen auszuhändigen, besprechen viele rheumatologische Teams heute verschiedene Möglichkeiten – Vor- und Nachteile, erwartbare Effekte und Unsicherheiten – und entscheiden gemeinsam mit der betroffenen Person, was als Nächstes versucht wird.
Wie ein realistischer Behandlungsplan aussehen kann
In der Praxis wird eine moderne Arthrosestrategie wahrscheinlich mehrere Massnahmen verbinden:
- gelenkschonende Bewegung wie Gehen, Radfahren oder Wassergymnastik
- gezielte Kräftigung der Muskulatur rund um das betroffene Gelenk
- Gewichtsmanagement, wenn Übergewicht die Gelenke zusätzlich belastet
- kurze Schmerzmittelbehandlungen während akuter Verschlechterungen
- Physiotherapie oder Ergotherapie zur Anpassung alltäglicher Tätigkeiten
- Injektionen oder Operationen bei ausgewählten Patientinnen und Patienten, wenn konservative Möglichkeiten nicht ausreichen
Bewegung als ein Werkzeug in diesem Instrumentenkasten zu betrachten – statt als das einzige Werkzeug –, hilft dabei, Erwartungen an die vorhandene Evidenz anzupassen.
Was „begrenzte Effekte“ im Alltag tatsächlich bedeuten
Angaben wie „zehn Punkte auf einer Skala von 0–100“ wirken abstrakt. Für manche Menschen kann das bedeuten, eine Bushaltestelle weiter gehen zu können oder lange genug zu stehen, um eine einfache Mahlzeit zuzubereiten, ohne pausieren zu müssen. Bei anderen verdeckt derselbe Durchschnittswert deutlich grössere individuelle Verbesserungen oder nahezu keine Veränderung.
Entscheidend ist, dass Durchschnittswerte aus Bevölkerungsgruppen keine individuellen Ergebnisse festlegen. Wer sehr motiviert ist, einem gut konzipierten und schrittweise gesteigerten Kraft- und Beweglichkeitsprogramm folgt und beim Dranbleiben unterstützt wird, kann deutlich mehr Erleichterung erfahren als die durchschnittliche Studienperson. Wer mehrere schmerzhafte Gelenke, Depressionen und schlechten Schlaf hat, profitiert möglicherweise weniger.
„Im Durchschnitt begrenzt“ bedeutet nicht „für alle sinnlos“, zeigt aber, dass ehrliche Gespräche über den wahrscheinlichen Nutzen überfällig sind.
Begriffe im Überblick: Schmerz, Funktion und klinische Relevanz
Mehrere Fachbegriffe dieser Analysen beeinflussen, wie die Ergebnisse zu verstehen sind:
| Begriff | Bedeutung in der Praxis |
|---|---|
| Schmerzscore (0–100) | Eine Selbsteinschätzung, bei der 0 für keine Schmerzen und 100 für die schlimmsten vorstellbaren Schmerzen steht. |
| Funktion | Die Fähigkeit, Tätigkeiten wie Gehen, Treppensteigen, Anziehen oder das Greifen von Gegenständen auszuführen. |
| Klinisch bedeutsame Veränderung | Die kleinste Verbesserung, die eine Person voraussichtlich bemerkt und als wertvoll empfindet – nicht lediglich eine statistische Verschiebung. |
| Sicherheit der Evidenz | Wie sicher Forschende sind, dass der beobachtete Effekt tatsächlich besteht und sich in künftigen Studien erneut zeigen würde. |
In der Arthroseforschung kann eine Veränderung unterhalb der Schwelle für „klinische Bedeutsamkeit“ zwar real sein, doch viele Betroffene werden nicht den Eindruck haben, dass sie ihren Alltag verändert hat.
Praktische Wege, damit Bewegung bei Arthrose besser wirkt
Angesichts der gemischten Daten konzentrieren sich viele Fachleute inzwischen darauf, Bewegungsprogramme gezielter und realistischer zu gestalten, statt Patientinnen und Patienten einfach zu mehr Aktivität aufzufordern. Einige Ansätze zeigen in der Praxis Potenzial:
- Niedrig anfangen, langsam steigern: Sehr kurze Einheiten zu Beginn und eine schrittweise Erhöhung von Dauer oder Intensität verringern häufig akute Verschlechterungen und Ängste.
- Muskelkraft priorisieren: Die Kräftigung des Quadrizeps bei Kniearthrose oder der Gesässmuskulatur bei Hüfterkrankungen führt oft zu spürbareren Verbesserungen als Gehen allein.
- Formate kombinieren: Eine Mischung aus Übungen zu Hause, gelegentlichen betreuten Einheiten und angenehmen Aktivitäten wie Schwimmen kann die Motivation länger erhalten.
- Schmerzen und Schlaf berücksichtigen: Kurzfristige Medikamente, Strategien zur Belastungseinteilung oder Unterstützung beim Schlafen ermöglichen es manchen Menschen, Bewegung besser zu tolerieren und dauerhaft beizubehalten.
Für einige helfen tragbare Aktivitätstracker, Gruppenangebote oder einfache Trainingstagebücher dabei, Gewohnheiten zu festigen. Für andere bewirken kurze Termine bei einer Physiotherapeutin oder einem Physiotherapeuten im Abstand einiger Monate mehr als aufwendige Fitnessstudio-Pläne.
Neben solchen praktischen Anpassungen veranlasst die neue Evidenz Behandelnde dazu, offener über Grenzen zu sprechen. Bewegung bleibt eine tragende Säule der Arthroseversorgung, aber eine Säule mit Rissen: nützlich und vergleichsweise sicher, jedoch nicht der entscheidende Durchbruch, als der sie einst für jedes Gelenk und jede Patientin oder jeden Patienten verkauft wurde.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen