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Unverarbeitete Lebensmittel: Mehr essen, weniger Kalorien

Mann in moderner Küche wiegt gesunde Salatschüssel und liest Nährwertangaben auf Handy ab.

Neue Forschungsergebnisse legen nahe: Entscheidend könnte vor allem die Auswahl der Lebensmittel sein.

Unzählige Menschen kämpfen sich durch Diäten, protokollieren Kalorien und verkleinern ihre Portionen – oft ohne dauerhaften Erfolg. Eine Auswertung von US-Daten deutet jedoch auf einen anderen entscheidenden Faktor hin: Offenbar bestimmt nicht vorrangig die Menge auf dem Teller, sondern der Verarbeitungsgrad, ob wir zunehmen. Wer hauptsächlich unverarbeitete Lebensmittel isst, kann größere Mengen verzehren und nimmt dabei dennoch weniger Energie auf.

Mehr essen, weniger Kalorien: Das belegt die Studie

Die jetzt erneut analysierten Daten gehen auf eine streng überwachte Studie der US-Gesundheitsbehörde National Institutes of Health aus dem Jahr 2019 zurück. Dafür wohnten 20 Erwachsene vier Wochen in einer Forschungsstation. Während zwei Wochen erhielten sie ausschließlich stark verarbeitete Fertigprodukte, in den anderen zwei Wochen überwiegend unverarbeitete Lebensmittel – jeweils ohne Mengenbegrenzung.

Bei naturbelassenen Produkten verzehrte die Gruppe nach Gewicht im Mittel deutlich mehr. Die Analyse der Universität Bristol ergab: Auf dem Teller lagen rund 57 Prozent mehr Lebensmittel. Dennoch nahmen die Teilnehmenden während des „unverarbeiteten“ Abschnitts täglich durchschnittlich etwa 330 Kalorien weniger auf als in der Zeit mit industriell hergestellten Produkten.

Mehr Gemüse, mehr Obst, größere Portionen – und dennoch im Kaloriendefizit: Genau diese Kombination zeigte sich in der Gruppe mit unverarbeiteten Lebensmitteln.

Konkret bedeutete das: Wer nur naturbelassene Produkte erhielt, wählte automatisch häufiger Obst und Gemüse. Pro Mahlzeit kamen teils mehrere Hundert Gramm Gemüse oder Früchte auf den Teller. Energiereiche Lebensmittel wie Sahnesoßen, zuckerhaltige Snacks oder fettige Fertiggerichte spielten dagegen kaum eine Rolle.

Was zählt als stark verarbeitet, was als unverarbeitet?

Die Forschenden teilen Lebensmittel grob in vier Gruppen ein und orientieren sich dabei an der verbreiteten NOVA-Klassifikation:

  • Unverarbeitet oder minimal verarbeitet: frisches Obst und Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse, naturbelassenes Fleisch und Fisch, Eier, Vollkorngetreide, Wasser.
  • Verarbeitete Grundzutaten: Öle, Butter, Zucker, Salz, Mehl.
  • Einfach verarbeitete Lebensmittel: Käse, Brot mit wenigen Zutaten, Naturjoghurt, eingelegtes Gemüse.
  • Stark verarbeitete Produkte: Fertiggerichte, Chips, gezuckerte Frühstücksflocken, Instant-Nudeln, Softdrinks, viele Riegel, Burger aus der Tiefkühltruhe.

Die „unverarbeiteten“ Mahlzeiten des Versuchs bestanden größtenteils aus frischen oder nur gering behandelten Lebensmitteln. Die zweite Gruppe bekam dagegen überwiegend Produkte der letzten Kategorie: Speisen, die industriell kombiniert, aromatisiert und häufig stark gezuckert oder mit Fett angereichert werden.

Die „Ernährungsintelligenz“ des Körpers

Zur Erklärung der Ergebnisse führen die Forschenden ein interessantes Konzept an: eine Art angeborene „Ernährungsintelligenz“. Gemeint ist die Annahme, dass der Körper natürlicherweise versucht, möglichst viele Vitamine, Mineralstoffe und weitere Mikronährstoffe aufzunehmen – und deshalb bestimmte Lebensmittel bevorzugt.

Stehen uns vor allem naturbelassene Produkte zur Verfügung, lenkt uns dieses unbewusste Verhalten offenbar zu Speisen mit vielen Mikronährstoffen und oft moderatem Kaloriengehalt. Dadurch landen automatisch mehr Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte und Vollkorn auf dem Speiseplan. Die Energieaufnahme bleibt dann geringer, obwohl die Portionen groß ausfallen können.

Die Auswahl der Lebensmittel scheint nicht zufällig: Der Körper sucht offenbar nach Nährstoffen, nicht nach reinen Kalorienbomben.

Bei stark verarbeiteten Produkten entsteht genau an diesem Punkt ein Problem. Sie liefern oft viele Kalorien aus Zucker und Fett, sind zugleich aber künstlich mit Vitaminen oder Mineralstoffen angereichert. Das führt im inneren „Steuersystem“ des Körpers offenbar zu widersprüchlichen Informationen.

Angereicherte Fertigprodukte senden widersprüchliche Signale

Das Forschungsteam beschreibt einen Mechanismus, der sich einfach nachvollziehen lässt:

  • Der Körper erkennt, dass ein Produkt bestimmte Vitamine und Mineralstoffe bereitstellt.
  • Gleichzeitig nimmt er den extrem hohen Energiegehalt nicht wahr, weil dieser nicht unmittelbar spürbar ist.
  • Das Ergebnis: Wir essen weiter, obwohl der Kalorienbedarf längst gedeckt wäre.

Bei naturbelassenen Lebensmitteln stimmen beide Signale häufig überein: Sie enthalten viele Nährstoffe, aber meist keine extremen Kalorienmengen. Bei stark verarbeiteten Produkten geht dieser Zusammenhang verloren. Dadurch kann man leicht zu viel essen, ohne sich wirklich satt oder „überfüttert“ zu fühlen.

Weniger zählen, besser wählen: Bedeutung für Abnehmwillige

Die Untersuchung stellt eine weitverbreitete Methode infrage, die Ratgeber seit Jahren prägt: kleinere Teller, halbe Portionen und Kalorien-Apps. Die Daten sprechen dafür, den Schwerpunkt stärker auf die Qualität der Lebensmittel zu legen.

Die Teilnehmenden in der Gruppe mit unverarbeiteten Lebensmitteln erhielten keinerlei Anweisung, weniger zu essen. Sie konnten nach Appetit essen, bis sie satt waren – und machten davon Gebrauch. Im Vergleich zur Phase mit Fertigprodukten lagen sie trotzdem durchschnittlich jeden Tag in einem Energiedefizit.

Ernährungsweise Menge (Gewicht) Kalorienbilanz
Überwiegend unverarbeitet +57 % mehr gegessene Lebensmittel ca. 330 kcal weniger pro Tag
Stark verarbeitet weniger Gesamtmenge ca. 330 kcal mehr pro Tag

Im Alltag kann das bedeuten: Wer sein Gewicht verringern möchte, macht es sich leichter, wenn die Energie in die Produktauswahl statt in dauerhaften Verzicht fließt.

Praktische Schritte im Alltag

Schon einige unkomplizierte Veränderungen können die Kalorienbilanz beeinflussen, ohne dass jede Mahlzeit zur Rechenaufgabe wird:

  • Bei jeder warmen Mahlzeit mindestens die Hälfte des Tellers mit Gemüse oder Salat belegen.
  • Das Frühstück verbessern: Haferflocken mit Naturjoghurt und Obst anstelle von süßen Cornflakes.
  • Getränke prüfen: Wasser, Tee oder Kaffee (ohne Zucker) statt Limo und Energy-Drinks wählen.
  • Snacks ersetzen: Nüsse, Obst und Gemüsesticks statt Chips und Schokoriegel essen.
  • Einmal pro Woche einen Fertiggericht-Tag durch frisch gekochte Mahlzeiten ersetzen.

Wer bei möglichst vielen Mahlzeiten so vorgeht, verlagert den gesamten Speiseplan nach und nach in Richtung „unverarbeitet“ – ohne dafür Diätetik studieren zu müssen.

Warum das Umfeld so entscheidend ist

Die Forschenden weisen darauf hin, dass nicht alle Menschen ihre Ernährung von einem Tag auf den anderen vollständig auf naturbelassene Kost umstellen können. Einkommen, Verfügbarkeit, Zeitdruck und Gewohnheiten haben großen Einfluss darauf, was letztlich im Einkaufswagen landet.

Darin sehen Expertinnen und Experten auch eine politische Aufgabe. Bieten Supermärkte und Kantinen vor allem günstige Fertigprodukte an, wird die gesündere Wahl schwieriger. In vielen Stadtvierteln fehlt frisches Obst und Gemüse in guter Qualität, während ganze Regalreihen mit Snacks und Fertiggerichten gefüllt sind.

Die Verantwortung liegt nicht nur bei der einzelnen Person mit ihrem „inneren Schweinehund“, sondern auch bei einem Markt, der stark verarbeitete Produkte überall platziert.

Subventionen für frische Lebensmittel, eine eindeutige Kennzeichnung stark verarbeiteter Produkte oder steuerliche Anreize könnten den Zugang zu besserer Ernährung erleichtern. Die Studie deutet an: Können Menschen unkompliziert zwischen Optionen wählen und sind unverarbeitete Produkte gut verfügbar, trifft der Körper häufig von selbst die günstigere Entscheidung.

Was „Energiedichte“ und „Sättigung“ bedeuten

Ein zentraler Aspekt der Ergebnisse lässt sich anhand von zwei Fachbegriffen erläutern: Energiedichte und Sättigung. Die Energiedichte gibt an, wie viele Kalorien in 100 Gramm eines Lebensmittels enthalten sind. Stark verarbeitete Produkte weisen oft eine hohe Energiedichte auf – schon ein kleines Volumen liefert viele Kalorien.

Unverarbeitete Lebensmittel enthalten hingegen viel Wasser und Ballaststoffe. 100 Gramm Gurke oder Apfel liefern deutlich weniger Energie als 100 Gramm Chips oder Schokolade. Daher sind große Portionen möglich, ohne den Kalorienbereich zu „überladen“.

Ballaststoffe aus Gemüse, Obst und Vollkorn fördern zusätzlich die Sättigung, da sie im Magen aufquellen und langsamer verdaut werden. Diese Verbindung aus hohem Volumen, vielen Nährstoffen und moderater Energiedichte macht unverarbeitete Lebensmittel für das Körpergewicht besonders interessant.

Wie kleine Schritte messbare Wirkung entfalten können

Wer nicht sofort die gesamte Ernährung umstellen will, kann mit kleinen, wirksamen Anpassungen anfangen. Werden stark verarbeitete Produkte bereits bei einer Mahlzeit pro Tag deutlich eingeschränkt, kann die tägliche Kalorienmenge merklich sinken.

Ein Beispiel: Ersetzt man mittags ein übliches Fertiggericht mit Sahnesoße durch eine große Portion selbst gekochtes Chili mit Bohnen, Gemüse und wenig Öl, lässt sich ohne Hungergefühl leicht ein dreistelliger Kalorienbetrag sparen. Über Wochen und Monate gerechnet kann dies darüber entscheiden, ob das Gewicht langsam zunimmt oder stabil bleibt.

Die aktuelle Analyse macht damit vor allem eines deutlich: Beim Körpergewicht arbeitet der Körper nicht grundsätzlich „gegen“ uns. Solange er nicht durch ein Überangebot stark verarbeiteter Produkte ausgebremst wird, scheint er instinktiv eine nährstoffreiche Ernährung anzusteuern.

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